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Wenn eine Haltestelle zum Ort der Demokratie wird

Die „Anhaltestelle“ hat im August Wiener Straßenräume temporär in Orte des Austauschs verwandelt. Mit ihrer räumlichen Installation in der Bruno-Marek-Allee vor der Endstation der O-Linie wurde ein gewöhnliche Wartezone in einen Ort des Aufenthalts, der Begegnung und des Dialogs verwandelt.

Das Prinzip ist einfach: ein geschwungener Tisch erweitert den öffentlichen Raum und schafft eine einladende Umgebung, in der Menschen nicht nur warten, sondern auch… anhalten können. „Ein Ort zum Innehalten, Aufhalten, Anhalten“.

Im Rahmen dieser Initiative gab es im August drei Gesprächsrunden zu unterschiedlichen Themen mit Themenschwerpunkt Demokratie:

  • Am 17. August: die feministische Stadt: über die Stadt als Lebensraum aus weiblicher Perspektive
  • Am 19. August: Stadt. Klima. Teilen: über Abkühlung, geteilte Räume und was das Wetter mit Demokratie zu tun hat
  • Am 27. August: Nordbahnviertel, reality check: Vision, Lebensrealitäten und wie es weitergeht

Treffpunkt: Anhaltestelle Demokratie!

Ich habe an der letzten Gesprächsrunde im Nordbahnviertel teilgenommen. Gemeinsam mit den Organisatorinnen Anna Krumpholz und Marlene Lübke-Ahrens und Kunst- und Kulturvermittlerin Suzanne Kříženecký trafen sich Teilnehmer:innen an der Anhaltestelle und kamen zunächst bei einem gemeinsamen Mapping miteinander ins Gespräch. Mit Stickern markierten wir auf einer Karte, wo wir wohnen. Wir wurden auch dazu eingeladen, auf einen Zettel aufzuschreiben, was das Nordbahnviertel auszeichnet. Der Impuls zu einem ersten Austausch war somit schon gegeben und es wurde schnell sichtbar, wie unterschiedlich unsere Erfahrungen mit diesem geteilten Wohnraum sind.

Danach führte uns Suzanne durch das Nordbahnviertel. Wir blickten zunächst kurz auf die Geschichte des Areals zurück: vom bedeutenden Bahnhof zur Zeit der k.u.k. Monarchie über die spätere Brache bis hin zum Entwicklungsgebiet, das zum heutigen Wohngebiet wurde.

Besonders interessant war der Blick darauf, wie aus einem ehemaligen Entwicklungsgebiet ein Stadtteil wird und wer eigentlich darüber entscheidet, wie dieser aussieht. Es geht um Fragen der Mobilität, Bildung, Umwelt und Klima, Freiräume, soziale Infrastruktur und vieles mehr.

Dabei geht es um unterschiedliche und oft kollidierende Interessen, die miteinander in Einklang gebracht werden müssen.

Im Nordbahnviertel wurden beispielsweise unterschiedliche Perspektiven und Interessen in den Planungsprozess einbezogen: von Bewohner:innen und Magistratsabteilungen über Geschäfte bis hin zu wilden Tieren.

Nach der Führung kehrten wir zu unserem Tisch zurück und diskutierten über das Nordbahnviertel: über die (fehlende) soziale Durchmischung, Mietpreise, Freiräume, Wind (!) und Architektur, Abkühlung und vieles mehr. Moderiert von Anna und Marlene entwickelte sich ein lebhafter Austausch. Die Diskussion war offen und niedrigschwellig, und durch das erneute Mapping wurden Gedanken und Erfahrungen wieder sichtbar gemacht.

Was ich von der Anhaltestelle mitnehme

Was mir bei dieser Veranstaltung besonders gefallen hat, war der Tisch selbst. Der Tisch wirkt einladend, was auch dazu geführt hat, dass später Leute von der Straße spontan dazugestoßen sind. Seine Form macht es beinahe unmöglich, sich voneinander abzuwenden. Man sitzt sich gegenüber und kommt sehr leicht ins Gespräch.

Wir sprechen oft über Demokratie in großen Begriffen: Wahlen, Parlamente, politische Institutionen, Mitbestimmung. All das ist selbstverständlich zentral. Aber Demokratie braucht auch etwas viel Alltäglicheres: Menschen, die miteinander in Kontakt kommen. Menschen, die einander zuhören und feststellen, dass andere dieselben Orte ganz anders erleben, unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse kennenlernen und gemeinsam darüber nachdenken, wie ihr Lebensumfeld aussehen soll. Durch den Dialog entsteht eine Vision, die für eine demokratische Gemeinschaft essenziell ist. Wie Michel Friedman es so schön gesagt hat, Demokratie ermöglicht es uns die Frage zu stellen: wie möchte ich leben?

Der Nachmittag war deshalb auch eine Erinnerung daran, dass Demokratie Räume und Zeit braucht: Räume, in denen Menschen ihre Perspektiven einbringen und unterschiedliche Interessen sichtbar werden können, und Räume, die dazu einladen, sich die Zeit zu nehmen, auf seine Mitmenschen neugierig zu werden.

Das gemeinsame Mapping hat dabei etwas sehr Einfaches geschafft: Es hat uns über unsere unterschiedlichen Erfahrungen ins Gespräch gebracht, ohne dass dafür eine große politische Debatte eröffnet werden musste. Aus kleinen persönlichen Beobachtungen entstanden Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Diskussionen. Es wurde über Probleme und Lösungen diskutiert.

Der Nachmittag im Nordbahnviertel hat mich dazu angeregt mir folgende Fragen zu stellen: Wer entscheidet, wie unsere Stadt aussieht? Welche Interessen finden Eingang in die Planung ? Welche nicht ? Und warum? Und eine konkretere Frage, die ich mir für unsere Initiative stelle: wie schaffen wir Orte, an denen Menschen ihre unterschiedlichen Perspektiven austauschen können und gemeinsam ins Gespräch kommen?

Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Voraussetzungen für Demokratie: anzuhalten damit der Raum fürs Zuhören und Reden geschaffen wird.

Das Schlusswort möchte ich unserer Kulturvermittlerin Suzanne überlassen weil sie es so schön auf den Punkt gebracht hat:

„Baukultur lebt von Dialog und Vielfalt – und Demokratie von Engagement!“

Fotos: Marlene Lübke-Ahrens